Kapitel 03 – Der Compi
Als es zu jucken begann, überkam Attila das Bedürfnis, sich zu kratzen. Er stellte jedoch schnell fest, dass ihm die dazu erforderlichen Gliedmaßen fehlten. Obwohl er das bestimmte Gefühl hatte, sich in der terrestrischen Körperwelt zu befinden, spürte er keinen Körper. Er sah nicht durch Augen; er nahm das Bild von Miriam stattdessen durch etwas Rechteckiges auf. Es handelte sich untrüglich um die nämliche »Bewährungshelferin «. Der Ring mit dem grünen Jaspis befand sich jedoch am Finger, nicht am Bauchnabel. Altmodisches Design, Anfang des 20. Jahrhunderts. Erbstück oder Flohmarkt? Das verwaschene schwarze T-Shirt zeigte das Bild einer koketten Teufelin mit weißem Bikini und den Spruch: »Wer sündigt, hat mehr vom Leben.« Alles in allem sah Miriam keineswegs mehr so rattenscharf aus, wie er sie im Gedächtnis hatte. (Attila hatte keine Ahnung, woher das Wort »rattenscharf« stammte, das ihm in den Sinn kam.) Der feurige Hintergrund fehlte ebenfalls. Vielmehr schaute ihn Miriam mit einem ziemlich verschlafen-verknitterten Gesicht an. Genau betrachtet, blickte Miriam ihn allerdings gar nicht an, sondern schlichtweg durch ihn hindurch. Attila hörte es klappern und Miriam knurrte etwas für ihn Unverständliches, was offenbar auch nicht für ihn bestimmt war. Mit einem Mal wurde ihm klar, dass er über eine unübersehbare Menge an Informationen verfügte. Doch er wusste nichts mit ihnen anzufangen.
Die Überschrift meiner literarischen Arbeit könnte lauten: 'Berichte aus dem beschädigten Leben'. Das ist eine Anlehnung an die Formulierung, die der deutsche Philosoph Theodor W. Adorno als Untertitel für seine Aufzeichnungen um die Mitte der 1940er Jahre gewählt hat ('Minima Moralia: Reflexionen aus dem beschädigten Leben'). Das 'beschädigte Leben' erinnert an die 'beschädigte Natur', mit der Thomas von Aquin den Zustand des Menschen nach dem Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies bezeichnete. 'Beschädigtes Leben' oder 'beschädigte Natur', das bedeutet: Auch die Guten sind nicht frei von Sünde. Ihr gut gemeintes Handeln hat nicht immer gute Konsequenzen. Aber auch: Die Bösen sind nicht böse, sondern im Kern beschädigte Gute. So gibt es weder Supergute noch Superböse, sondern supermenschliche Charaktere, manchmal tragisch, manchmal komödiantisch, manchmal sympathisch, manchmal abstoßend. Meine Sympathie gehört denen, die angesichts der Beschädigung ihrer Natur nicht resignieren.