Kapitel 04 – Schnelle Pest
Martha S. – aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes wird der Nachname der Familie mit einem Buchstaben abgekürzt – war gestern, am 10. November, wie immer in aller Herrgottsfrühe aufgestanden, um durch den morgendlichen Stau zu ihrem ersten Einsatz zu fahren. Es handelte sich um einen stressigen und darüber hinaus auch noch ekligen bis gefährlichen Job, als Kammerjägerin das Geld für ihre kleine Familie zu verdienen.
Ihr Mann, Gilbert S., hatte ihr – ebenfalls wie immer – die von ihm frisch gebügelten Klamotten rausgelegt, die sie anziehen sollte. Während sie sich zurechtgemacht hatte, war er im Bett geblieben und hatte noch etwas geschlafen. Denn Gilbert stand erst später auf, wenn sein süßer kleiner Sohn, Terry S., wach wurde. Noch im Schlafanzug aß Gilbert mit Terry Frühstück. Es hatte keinen Sinn, sich vorher anzuziehen, denn beim Essen gab es jedes Mal ein großes Geschmiere. Danach räumte er die Küche auf, während Terry schon ungeduldig drängte, zum Spielplatz zu gehen. Na gut, heute würde es schon hinhauen, weil es nicht regnete, obwohl es noch ziemlich matschig war und Gilbert voraussah, dass sich Terry total zusauen würde. Aber zur Hölle, was soll’s?
Auf dem unverschämt tristen Spielplatz im Vorgebirgspark, nur ein paar Schritte schräg gegenüber ihrer kleinen Hochhauswohnung in der Schwalbacher Straße, unterhielt sich Gilbert mit denen, die er selbstironisch »die anderen Mütter« nannte. Wie jeden Tag. Eine heiß diskutierte Frage lautete, ob katholische oder städtische Kindergärten besser seien. Gilbert, aufgewachsen in der Nach-1968er-Zeit, war kirchenfeindlich. Wenn er andere Mütter von der Notwendigkeit einer religiös gefärbten Kinderbetreuung reden hörte, kriegte er schlicht das Kotzen. Andererseits wurde den städtischen Kindergärten so viel Abschreckendes nachgesagt, dass er sich ernsthaft überlegte, ob er Terry nicht doch ein paar Schritte weiter und über die böse vierspurige Straße bei einem der »Katholen« anmelden solle. Eigentlich müsste man ja selbst was auf die Beine stellen, wie in der guten alten Zeit – einen »antiautoritären Kinderladen« in Eigenregie der Eltern, dachte er. Bei dem ganzen Haushaltsstress fand man für so etwas allerdings keine Zeit!