Monatsarchiv für Februar 2009

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Kapitel 02 – Auf Bewährung

Das Übernatürliche stellt sich den Menschen dar, als entspreche es ganz genau ihren jeweiligen kulturellen Gegebenheiten; denn die Wirklichkeit steht nicht zur Verfügung, um einen kritischen Abgleich vorzunehmen. Betrachten wir das Beispiel der Außerirdischen. Wenn sie sich der Erde nähern, benutzen sie zwar uns »unbekannte Flugobjekte«; die aber scheinen der uns nur allzu bekannten neuesten Designmode nachgebildet worden zu sein. (Vielleicht wollen sie bloß höflich sein. Doch das wäre eine andere Geschichte.)

Wenige Gedanken werden auf den Umstand verschwendet, welche Verunsicherung es unter den unsterblichen Seelen stiftet, wenn die Ansichten von Himmel und Hölle derart drastischen Veränderungen unterworfen sind wie im letzten Jahrhundert. Diese Verunsicherung fällt umso nachhaltiger aus, je überlasteter die jenseitigen Institutionen sind, weil aufgrund der weltweiten Bevölkerungsexplosion die Fallzahlen unaufhörlich steigen. (Dass ein kleines Volk wie die Deutschen derzeit ein wenig schrumpft, führt bei den Gerichten des Jenseits kaum zu einer Entspannung der Situation.)

Prozesse ziehen sich in eine schier unzumutbare Länge. Das trifft auch auf das Verfahren um den Hunnenkönig Attila und die heilige Ursula zu. Die Lebensläufe, die zu bewerten sind, liegen inzwischen ja immerhin gut anderthalb Jahrtausende zurück. Erst nach einer gewonnenen Musterklage der Totenrechtsorganisation »Deads’ Rights Watch« vor dem Verfassungsgericht der »Monotheistischen Jenseitsunion« (MoJu) kam die Sache wieder ins Rollen.

Kapitel 2 – Auf Bewährung

Geschrieben von Andreas Ullrich am 22. Februar 2009 | Abgelegt unter 02 Auf Bewährung | Keine Kommentare

Kapitel 01 – Das Miriamsfest

An jedem 12. November um 17:15 Uhr wird das Miriamsfest begangen. Es ist der höchste Feiertag der Ratten. Dieses Jahr darf das Miriamsfest im Dom der Menschen stattfinden. Das hat der Kölner Erzbischof gestattet, der nun auch schon greise zweite Nachfolger seiner Eminenz Lufred Kardinal von Traums. Alle, die die blutigen Kriege zwischen Menschen und Ratten noch selbst miterlebt haben, sind überwältigt von dem friedlichen Eindruck, den das Miriamsfest heute macht.

Kerzen und andere Lichtquellen sind gelöscht. Bis auf eine restliche Dämmerung, die wie heiliges Dreckwasser durch die bunten Glasfenster sickert, ist es dunkel. Das Hauptportal bleibt verschlossen, damit sich keine Menschen in den Dom verirren. Ihre zarten, schutzbedürftigen Seelen könnten Schaden nehmen, sollten sie unvorbereitet Zeugen des für sie eventuell befremdlich wirkenden Rituals werden. Die Ratten finden ihren Weg, irgendwie.

Kapitel 1 – Das Miriamsfest

Geschrieben von Andreas Ullrich am 1. Februar 2009 | Abgelegt unter 01 Das Miriamsfest | Keine Kommentare